Deutschland auf dem Prüfstand: Wie barrierefrei sind Städte und Regionen wirklich?
Offizieller Launch des a11y-Score mit gezielter Auswertung nach Region, Ortstypen und Barrierefreiheits-Merkmalen.

7,8 Millionen Menschen in Deutschland sind schwerbehindert (Quelle: Statistisches Bundesamt / Destatis). Die meisten dieser Menschen sind in ihrem Alltag mit vielen Barrieren konfrontiert – seien es fehlende Arztpraxen mit Rollstuhlzugang, Kulturangebote in Gebärdensprache oder Blindenleitsysteme, die oft im Nichts enden. Betroffene und ihre Verbündeten fragen sich zu Recht, warum es trotz klarer Gesetze zur Barrierefreiheit lokal oft nur sehr langsam und zäh vorangeht.
Sicherlich schlagen hierbei die klammen kommunalen Kassen zu Buche. Und in einigen Fällen auch der mangelnde Wille in Politik, Verwaltung oder bei Privatunternehmen. Doch viel häufiger mangelt es an Wissen und Überblick. Denn: Wie können Städte und Regionen mit Plan und Struktur Barrieren abbauen, wenn es gar keine zentrale Übersicht oder Auswertung dazu gibt, was barrierefrei ist und was nicht? Die aktuelle Antwort lautet: Sie können es nicht.
Die Lösung: der a11y-Score
„a11y" – gesprochen „Ellie" – ist die Kurzform von „accessibility" ; die „11" steht für die elf Buchstaben zwischen a und y.
Mit dem a11y-Score hat der Berliner Verein Sozialheld*innen ein digitales Werkzeug entwickelt, das die Barrierefreiheit im öffentlichen Raum darstellt, auswertet und überregional vergleichbar macht. Das Projekt wird im Rahmen der Innovationsinitiative mFUND mit insgesamt rund einer Million Euro durch das Bundesministerium für Verkehr gefördert.
Auf a11yscore.org können Politik, Verwaltung oder auch Journalist*innen, Aktivist*innen und die interessierte Öffentlichkeit ab sofort anhand eines Punktwerts zwischen 0 und 100 ablesen: Wie ist es um die Barrierefreiheit der 16 deutschen Bundesländer, 418 kreisfreie Städte und Landkreise sowie in Deutschland insgesamt bestellt? Ein höherer Punktwert steht dabei für mehr Barrierefreiheit, ist aber keine Prozentzahl.
Das neue Tool erlaubt gezielte Analysen in 3 Dimensionen mit Scores in unterschiedlichen Detailgraden:
- nach Barrierefreiheits-Thema oder Merkmal (z.B. „Sehen“, „Mobilität“, „Klimatisierung vorhanden“)
- nach Ortstyp (z.B. „Verkehr“ oder „Arztpraxen“)
- nach Region (z.B. „Deutschland“ oder „Bremen“)
Für die Auswertung wurde seit der Veröffentlichung der Beta-Version im Januar 2026 auch Feedback von potentiellen Nutzer*innen und Interessierten eingearbeitet – unter anderem von Journalist*innen und Inklusionsbeauftragten aus Städten und Landkreisen.
Wie wird der a11y-Score ermittelt?
Der a11y-Score basiert auf offenen Geodaten von OpenStreetMap, einer Online-Karte, in der Freiwillige, Behörden und Organisationen aus der ganzen Welt Einträge vornehmen. Neben allgemeinen Infos zu öffentlichen Orten – etwa Öffnungszeiten – können in der offenen Karte Geometrie und Barrierefreiheits-Merkmale zu einzelnen Orten erfasst werden, etwa: „Der Zugang zu diesem Restaurant ist rollstuhlgerecht“ oder „Hier befindet sich ein Tram-Einstiegsbereich mit einem Blindenleitstreifen“.
Aus diesen Daten zur Barrierefreiheit wird ein Punktwert zwischen 0 und 100 für die Barrierefreiheit eines Orts berechnet, zum Beispiel für ein einzelnes Café in Bremen. Ein Score für einen gesamten Ortstyp in einer Region, z.B. „alle Cafés in Bremen“, wird aus den Einzelwerten aller Orte der gleichen Art gemittelt. Aus den Scores mehrerer Ortstypen ergibt sich wiederum ein Score für die übergeordnete Kategorie, z.B. „Essen & Trinken in Bremen“. Auf jeder Ebene werden zudem verschiedene Barrierefreiheits-Merkmalen ausgewertet, z.B. „Rollstuhlgerechtigkeit von Cafés in Bremen“. Damit schafft der a11y-Score in unterschiedlichen Detailgraden eine belastbare und vergleichbare Orientierungshilfe für den Zustand der Barrierefreiheit.
Um die Lebensrealität vor Ort gut abzubilden, fließen besonders wichtige Grundbedürfnisse (z.B. Gesundheitsversorgung) stärker ein als andere (z.B. Freizeit). Die Datengrundlage, regionale Unterschiede und Datenlücken sind dabei transparent auf der Webseite nachvollziehbar. Die Methodik beruht auf jahrzehntelanger Expertise – mit internationaler Anerkennung: Weltweite Analysen des Sozialhelden e.V. dienen regelmäßig als Quelle für Berichte der Vereinten Nationen.
Chancen und Grenzen des a11y-Score
Der a11y-Score dient als Informations- und Planungswerkzeug für Verwaltung, Zivilgesellschaft und Politik. Dank internationaler, offener Daten funktioniert der Algorithmus unabhängig davon, ob er in einem kleinen niedersächsischen Dorf oder in einer Millionenstadt wie Tokyo angewendet wird. Zweifellos ist der a11y-Score dabei nur so aussagekräftig wie die Daten, die ihm zur Verfügung stehen: Während einige Bereiche – wie Mobilität an Bahnsteigen in Deutschland – schon weitestgehend erfasst sind, sind andere noch lückenhaft. So fehlen hierzulande an vielen Orten noch Infos zu Gebärdensprache, Leichter Sprache, und medizinischer Versorgung.
Die Datenerhebung liegt dabei nicht nur bei Verwaltung und Kommunen. Auch Organisationen, Unternehmen oder Ehrenamtliche helfen bereits mit – durch direktes Bearbeiten auf OpenStreetMap oder mit Apps wie Wheelmap: das Projekt der Sozialheld*innen ermöglicht, Infos zur Rollstuhlgerechtigkeit ohne Vorkenntnisse zu erheben. Die Erfahrung zeigt: Sichtbarkeit motiviert zum Erfassen dieser Daten. Aus dem ersten Eintrag auf der offenen Karte vor mehr als einem Jahrzehnt wurden so Millionen hilfreicher Einträge, die jetzt statistisch auswertbar sind.
Der nächste Schritt ist Kontinuität beim Erfassen offener Daten. Für Behörden und Kommunen ist das nichts Neues: Sie arbeiten bereits organisiert mit der Zivilgesellschaft im öffentlichen Nahverkehr, beim Straßenbau, und bei Umweltthemen zusammen. Sie profitieren dabei von offenen Standards und quelloffenen Apps, die unbürokratisch und schlüsselfertig über Ländergrenzen hinweg funktionieren. Bei Barrierefreiheit dienen Daten und der a11y-Score auch als Vorsorge für die Zukunft. Zum Beispiel bei einem Thema, das allen Verwaltungen Kopfzerbrechen bereitet: Wie finanzieren wir den demografischen Wandel?
Weitere Infos zum Nutzen und Beisteuern von Daten erhalten Sie auf: https://a11yscore.org.
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Über die Sozialheld*innen
Sozialhelden e.V. arbeitet seit über 20 Jahren an Lösungen für mehr Teilhabe und Barrierefreiheit. Mit Expertise in eigener Sache startet der Verein politische Kampagnen, entwickelt Apps und Technologien und gibt sein Wissen an Unternehmen und Organisationen weiter. Dafür wurde er unter anderem mit dem Deutschen Engagementpreis, dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis und dem Smart Accessibility Award ausgezeichnet. Mehr über den Sozialhelden e.V. erfahren Sie auf www.sozialhelden.de.
Über den mFUND des BMV
Im Rahmen der Innovationsinitiative mFUND fördert das BMV datenbasierte Forschungs- und Entwicklungsprojekte für die digitale und vernetzte Mobilität der Zukunft. Die Projektförderung wird ergänzt durch eine aktive fachliche Vernetzung zwischen Akteuren aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Forschung und durch die Bereitstellung von offenen Daten auf der Mobilithek. Weitere Informationen finden Sie unter www.mFUND.de und daten.plus.

Pressekontakt
Luise Bruche
Senior Kommunikations- und Communitymanagerin
luise@sozialhelden.de